Finanzielle Freiheit und Lebenskrisen

Finanzielle Freiheit ist ein Thema zu dem ich bisher noch nicht viel geschrieben habe. Aus gutem Grund. Doch jetzt kann ich nicht mehr an mich halten, hier also mein Beitrag zur kontroversen Debatte.

Was ist finanzielle Freiheit?

Eigentlich würde ich Begriffe gerne erklären bevor ich sie das erste Mal verwende. Bei der finanziellen Freiheit oder auch finanziellen Unabhängigkeit ist das Problem jedoch, dass uns das direkt zum Kern der Debatte katapultieren würde. Daher an dieser Stelle für diejenigen, die diese Begriffe gerade zum ersten Mal hören, nur eine Minimalvorstellung:

Die Idee der finanziellen Freiheit ist es, so viel Geld anzuhäufen, dass man davon bis zu seinem Lebensende leben kann. Da man meist nicht so genau weiß, wie lange das noch ist, soll der Geldhaufen so groß sein, dass man nur „von den Zinsen“ leben kann. Der Haufen selbst soll nicht mehr schrumpfen. Je nach Lebensstil braucht man dafür keine Millionen. Für 300.000 € auf dem Haufen kann man schon mit 1.000 € im Monat rechnen. Der Frugalist Oliver erklärt hier die 4%-Regel.

Worum wird jetzt gestritten?

Auffällig ist, dass besonders viele Blogs sich mit der finanziellen Freiheit beschäftigen, die von Leuten betrieben werden, die diese noch nicht erreicht haben. Das große Vorbild Mr Money Mustache hat es geschafft. Oliver setzt das super für den deutschsprachigen Raum um. Aber dann gibt es eben noch viele, die nur auf den Zug auf zu springen scheinen. Dass ich mich hier nicht einreihen wollte, ist einer der Gründe warum ich bisher zum Thema geschwiegen habe.

Ich kann verstehen, dass sich manch einer von den FF-Propheten gestört fühlen mag.

Holger von Zendepot tritt die Gegenrede an. Und Christian von Großmutters Sparstrumpf geht noch einen Schritt weiter:

Wenn du den starken Wunsch nach „finanzieller Freiheit“ verspürst, dann frage dich bitte: Stimmt etwas nicht mit meinem Job?

Ich gebe zu: Ich verspüre den starken Wunsch nach finanzieller Freiheit. Bin ich krank? Stimmt etwas mit mir nicht?

Macht mein Job mich unglücklich?

Das muss es sein. Schließlich arbeite ich auch jetzt schon nur vier Tage die Woche. Mein Job muss echt schlimm sein.

Aber warum macht mein Job mir dann so viel Spaß? Müsste ich meinen Urlaub nicht mit meiner Frau abstimmen, so würde ich definitiv meinen Urlaub auf unbestimmte Zeit verschieben – nur um beim kommenden Projekt von Anfang an dabei sein zu können – so sehr freue ich mich darauf.

Wenn auch nicht alle Projekte so cool sind, wie das kommende – mein Job macht mir Spaß! Ich gehe gern zur Arbeit ins Büro. Ich habe gute Arbeitsbedingungen. Ganz sicher betrachte ich meinen Job nicht als notwendiges Übel, auch wenn natürlich nicht immer alles so viel Spaß macht wie im Moment.

Warum möchte ich die finanzielle Freiheit erreichen?

Dies ist ein Thema, das ganze Blogparaden füllt. Ich kann das jetzt nicht in einem Absatz vollständig abhandeln. Daher nur ganz kurz an dieser Stelle:

Ich habe das Gefühl, dass es – in meiner Position – unverantwortlich wäre sie nicht anzustreben. Meine Frau und ich verdienen deutlich mehr Geld als wir fürs tägliche Leben brauchen. Wir wissen nicht, ob das immer so bleiben wird.

Äußere Zwänge zu minimieren erscheint mir sehr sinnvoll. So sehr mir meine Arbeit Spaß macht – es können Zeiten kommen in denen es etwas wichtigeres geben kann. Sei es den Kindern, die vielleicht mal kommen, beim Aufwachsen zu helfen, oder vielleicht möchte ich mich mal um meine Eltern kümmern, falls das erforderlich werden sollte. Der Schwiegervater einer Freundin ist gestorben und sie hatte ernsthafte Probleme im Job ein paar Tage frei zu bekommen um ihren Mann auf die Reise ins Heimatland des Vaters zu begleiten. In einer solchen Situation sagen zu können: Lieber Arbeitgeber, Du bist jetzt Prio 2. Gerne komme ich wieder und arbeite mit Spaß und voller Kraft mit, wenn ich wieder soweit bin. Aber die nächsten zwei Monate bin ich erst mal weg. Ab morgen.

Vielleicht möchte ich mich mal selbstständig machen, ohne Angst haben zu müssen, ob ich meinen Lebensunterhalt noch bestreiten kann. Halt, halt! In diesem Abschnitt geht es doch um finanzielle Freiheit und jetzt schreibe ich als Motivation, dass ich mich vielleicht einmal gerne Selbständig machen möchte?

Finanzielle Freiheit und (Extremely) Early Retirement

Hier kommen wir zum Kern der Debatte. Mir scheint, dass bei den Reden gegen die finanzielle Freiheit zwei Begriffe wild vermischt werden: Finanzielle Freiheit und Early Retirement.

Für mich bedeutet finanzielle Freiheit von einem auf den anderen Tag meinen Job kündigen zu können, ohne meinen Lebensstil (zu sehr) einschränken zu müssen. Die Freiheit ist, es zu können. Nicht zwangsläufig es auch zu tun.

Early Retirement hingegen wäre das, wogegen sich viele der Stimmen richten. Den Job mit 30, 40 oder 50 an den Nageln zu hängen. Weil man’s kann. Auch hier denke ich, ist ein Großteil der Kritik ungerechtfertigt. Ich habe großen Zweifel daran, dass sich die Studien über den Gesundheitseinfluss der Rente vom Regelrenteneintrittsalter genauso auf die „frühe Rente“ übertragen lassen.

Natürlich: Wer nur noch „Netflix und Chill“ oder Strand und Sonne vor hat, tut sich vermutlich nichts Gutes. Aber wo ist das denn der Fall? Wer jetzt so engagiert ist zu bloggen und sein Leben aktiv zu gestalten, der wird doch nicht von 100 auf 0 gehen. Es gibt so viele Möglichkeiten sein Leben zu gestalten und aktiv zu leben. Auch ohne Vollzeit-Angestellten-Job.

Lottogewinn und Sinn des Lebens

Was würdest du gerne tun, wenn sich morgen herausstellen würde, dass ein entfernter Onkel dir 2 Millionen Euro vermacht hat? Welche Pläne hättest du dann für dein Leben?

Diese Frage, die Christian hier stellt, kann ich leider noch nicht zufriedenstellend beantworten. Das ist auch der Hauptgrund, weswegen ich mich bisher noch nicht zum Thema geäußert habe.

Tatsächlich wünsche ich mir nicht im Lotto zu gewinnen. Vorsichtshalber spiele ich auch kein Lotto. Die finanzielle Freiheit ist ein Ziel, welches ich mir gemeinsam mit meiner Frau gesetzt habe. Das möchte ich auch mit ihr gemeinsam erreichen. Ein Lottogewinn würde mir die Möglichkeit nehmen, das selbst zu schaffen. Ich weiß, dass die Einstellung aus verschiedenen Gründen kritisch zu hinterfragen ist – aber an dieser Stelle wollte ich das einfach mal ehrlich mitteilen.

Ich weiß auch wirklich noch nicht, wie ich mir das Leben in finanzieller Freiheit vorstelle. Ich denke dabei tatsächlich an eine Art von Early Retirement. Momentan stelle ich mir eine Selbstständigkeit vor mit einem Thema, welches mir mehr Spaß machen würde als das große Geld bringen. Dazu viel Reisen und Familienzeit. Das ist aber wirklich noch nicht ausgegoren. Vielleicht werde ich auch noch einige Jahre nach Erreichen der finanziellen Freiheit einfach weiterarbeiten. Und zwei mal im Monat mehr Essen gehen. Wer weiß.

Der Sinn des Lebens

Eines ist aber für mich klar: Nur aus Angst in ein Loch zu fallen oder nichts mit mir anfangen zu können, kann ich nicht aufhören die finanzielle Freiheit anzustreben. Mich selbst von Arbeit abhängig zu machen (durch übermäßigen Konsum) nur damit mir der Lebenssinn, meine Familie und mich zu ernähren, nicht verloren geht – das kommt nicht in Frage.

Wenn man sich Gedanken über das Thema finanzielle Freiheit und die damit verbundene Möglichkeit des Early Retirement macht, kommt man unter Umständen schnell dazu, sich mit dem Sinn des Lebens zu beschäftigen. Mich hier aus Angst vor unbequemen Fragen in die Abhängigkeit zu stürzen und zu verhindern, dass ich die finanzielle Freiheit erreiche – das kann nicht die Lösung sein!

Aus diesem Grund zählen für mich all die Studien über das Glück der Arbeit und das Unglück der Rente nicht. Das wäre für mich Selbstbetrug. Oder anders ausgedrückt:

Keine finanzielle Freiheit ist auch keine Lösung!

Mehr davon?

6 thoughts on “Finanzielle Freiheit und Lebenskrisen”

  1. Ich würde 2 Millionen Erbe nicht ablehnen.. Gleichzeitig will ich mich auf das Ziel der FF auch nicht versteifen. Irgendwer auf der Welt muss arbeiten, es können nicht alle um die Welt reisen. Gleichzeitig muss nicht jeder 40h die Woche arbeiten.. Ich habe vor der FF keine Angst. Ich glaube aber nicht, dass ich sie erreiche, weswegen ich mein Glück anders finden muss.

  2. Ehrlich? Mich hat die finanzielle Freiheit sehr fasziniert am Anfang. Mittlerweile habe ich herausgefunden warum. Endlich nicht mehr arbeiten müssen. Yeah. Eigentlich tue ich sehr gerne sinnvolle Dinge und mache sogenannte Arbeit gerne. Locker mal Sechszig Stunden in der Woche.

    Nur habe ich in den letzten zwei Jahren ein Job angetreten, welche in vielen Bereichen komplett gegen meine Vorstellungen kämpft. So sehr das es mich richtig demotiviert. Ist man so ausgehungert klingt die finanzielle Freiheit, wie die Oase in der Sahara. Nur leider mehr das bei mir wohl eher eine Fata Morgan geworden.

    Als ich das verstanden habe, habe ich begonnen mir andere Fragen zu stellen. Vor allem die Frage was möchte ich arbeiten. Etwas das mich erfüllt jeden Tag und mich fordert. Darauf arbeite ich jetzt hin.

    Natürlich will ich die finanzielle Freiheit immer noch. Aber mittlerweile aus anderen Gründe. Dem Grund eine Arbeit zu tun, welche mich ganz und gar erfüllt. Das klappt mit einem ordentlichen Polster natürlich umso besser. Man muss sich einfach weniger Gedanken machen und kann mal mehr riskieren.

    Vielleicht bin ich dann in 5,10,20,40 Jahren mal finanziell Frei. Ist mir mittlerweile relativ egal. Hauptsache ich habe bis dahin mein Bestes gegeben und habe auch dabei noch gelebt und für meine Sache geblutet.

    Gruß,
    mafis

  3. „Wenn man sich Gedanken über das Thema finanzielle Freiheit und die damit verbundene Möglichkeit des Early Retirement macht, kommt man unter Umständen schnell dazu, sich mit dem Sinn des Lebens zu beschäftigen. Mich hier aus Angst vor unbequemen Fragen in die Abhängigkeit zu stürzen und zu verhindern, dass ich die finanzielle Freiheit erreiche – das kann nicht die Lösung sein!“

    Die Frage ist für mich, ob man beim Suchen nach dem Sinn des Lebens nicht erkennt, dass das Hier und Jetzt einen nicht zu unterschätzenden Wert hat. Je älter ich werde, umso mehr bemerke ich die vielen kleinen (und großen) Schicksale in meinem Umfeld. Plötzlich ist das Leben von einem Schicksalsschlag auf den Kopf gestellt oder gar beendet worden.

    Wer sich einer höheren Sparquote wegen selbst einschränkt, sollte in meinen Augen die Prioritäten überdenken. Wer all sein Geld heute rausbläst als gäbe es kein Morgen, sollte ebenfalls darüber nachdenken. Ich finde beide Extreme schlimm. Leider wird in vielen FF-Artikeln komplett Schwarz-Weiß gemalt. (Sowohl Frugalisten-Oliver als auch Zendepot-Holger bedienen sich dieses Stilmittels.) Wer nicht eisern spart, gehört zu den unreflektierten Konsumjunkies und wer nicht ans heute denkt, verpasst das Leben.

    Gibt es keinen Mittelweg? Kann nicht einfach ein bewusster Umgang mit dem Geld angestrebt werden, der dazu führt, dass man monatlich *etwas* zur Seite legt? Ohne FF-Gedanken? Einfach so. Und irgendwann wird man dieses Geld dann eben mal wieder ausgeben. Weil man die langersehnte Weltreise machen möchte oder weil man seine Altersrente aufstocken möchte oder weil man 10 Jahre früher in Rente gehen will und die Zeit finanziell überbrücken muss. Alles ganz entspannt und mit viel Gelassenheit.

    Vermutlich muss man im besten Selbstoptimierungswahn „Always-Aim-High“ folgen, SMARTe Ziele definieren und mit Excel-Tabellen seine Sparquoten mit der Welt teilen, die natürlich ohne jede Einschränkung möglich waren. Wer nicht mindestens 50% (besser 70%) wegspart, sollte unbedingt ein schlechtes Gewissen haben und seine verschwenderische Lebensweise überdenken – diese Attitüde einiger Blogger finde ich bedenklich.

    Oder ist dieser entspanntere Umgang mit dem Thema einfach nur zu langweilig für einen Blog?

    Liebe Grüße
    Dummerchen

    PS: Vielleicht werde ich auch irgendwann mal FF. Keine Ahnung. Das Ziel zu haben stört mich nicht, aber das Wie und Warum finde ich mitunter bedenklich.

    1. „Oder ist dieser entspanntere Umgang mit dem Thema einfach nur zu langweilig für einen Blog?“

      Das dürfte für eine Vielzahl von FI/RE Blogs der Grund sein. Als ich mich eine Weile in der Reise- Backpacker- Aussteigerblog Szene herumgelesen habe konnte man Ähnliches beobachten:

      Quasi wöchentlich ein neuer Blog wo mal schnell ein fertiges Design genommen wird, dazu ein paar Posts mit allgemeinem Blabla und Plattitüden rausgerotzt, und das Ganze vollgestopft mit allen Monetarisierungsmöglichkeiten die so einfallen.

      Und tada: Fertig ist die Cashcow, wo man nun nur noch die Einnahmen zählen muss. Naja, das zumindest ist der Wunsch dahinter…

      Ich selbst bin auch näher beim Frugalisten Oliver, auch wenn ich für bestimmte Dinge nicht bereit bin zu verzichten/sparen. Dazu gehören hochwertige Lebensmittel, mein Fitnesstraining, und ja, auch für meine Playtation verschwende ich gern Geld…
      Es ist nicht so, dass mich mein Job krank oder depressiv macht. Aber es gäbe sicher einige Projekte, mit denen ich meinen Tag lieber verbringen würde. ich lerne häufig interessante Startups/Projekte im Bereich ökologische Landwirtschaft kennen, oder Forschungsprojekte. Leider ist hier kaum die Möglichkeit gegeben, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

      Die oben angesprochenen 2 Millionen würden mir erlauben in solche Projekte mein Herzblut zu stecken, ohne mich darum zu sorgen wie ich denn meine Miete zahle.

  4. Ich bewege mich ebenfalls zwischen den beiden Welten – die Tendenz geht etwas mehr zu Oliver als zu Holgers kritischem Beitrag.

    Ich denke Holger hat da eine andere Sicht, weil die Schafe weitestgehend im Trockenen sind und auch aus eigener Erfahrung Ärzte derzeit jobtechnisch weniger Unsicherheiten als der Schnitt der arbeitenden Bevölkerung zu fürchten haben. Da denkt man dann wieder etwas lockerer.

    Gleichzeitig wird mir bei der oberen Definition von FF, dass man nur noch von den Zinsen leben möchte wieder etwas anders. Ich kann mir vorstellen, dass man dann nie genug bekommt, immer mehr Sicherheitspuffer („die Kurse könnten sich ja halbieren“) einbaut und sich damit höhere Ziele setzt als sinnvoll sind.

    Mein Weg: Mindestlebensunterhalt durch Kapital mit Verzehr (warum nicht das Ersparte selbst nutzen, warum verzichten um reich zu sterben?). Die Extras dann durch Arbeit finanzieren. Für die Hobbies wird man schon immer noch genug zusammen bekommen.

    Wie seht ihr das?

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